Domus Historicus

Geschichte der Narrenfigur

Fulehung

Der Fulehung soll der Legende nach auf die Beteiligung der Thuner an der Schlacht bei Murten (1476) zurückgehen. Damals gelang es den Thunern, den Hofnarren Karls des Kühnen gefangen zu nehmen. Der Überlieferung zufolge jagten sie ihn durch die Gassen von Thun, bis er erschöpft zusammenbrach – eine späte Genugtuung für die zuvor erlittenen Verspottungen. Als Hofnarr trug er ein Narrengewand mit Maske.

Die ältesten schriftlichen Berichte über den Fulehung stammen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aussagen über einen möglichen Zusammenhang mit den Burgunderkriegen oder über das genaue Alter und die Herkunft der Figur fehlen jedoch. Gesichert ist, dass die Gestalt 1855 am Ausschiesset teilnahm und damals eine Schellenkappe trug. Zu jener Zeit wurde sie allerdings noch nicht Fulehung genannt, sondern «Bajass».

Im Jahr 1864 führten die Armbrustschützen den Narren mit der Teufelsmaske offiziell ein – insbesondere, um die Kinder zu unterhalten. Zwischen 1880 und 1885 fiel das Ausschiesset aufgrund einer Epidemie aus. Während dieses längeren Unterbruchs soll der heute gebräuchliche Name «Fulehung» entstanden sein. Seit der Jahrhundertwende setzte sich diese Bezeichnung endgültig durch, während der frühere Name «Bajass» allmählich in Vergessenheit geriet.

Nach 1920 musste für den Fulehung ein neues Kostüm beschafft werden. Zusätzlich zur Brätsche beziehungsweise dem «Schyt» erhielt er nun auch einen Stock mit Schweineblasen, den sogenannten «Söiplaatere».

1979 liess die Kadettenkommission Thun die Originalmaske von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt untersuchen. Das Ergebnis: Eine genaue zeitliche Einordnung der Herstellung war nicht möglich. Es wurde jedoch festgestellt, dass die Maske aus drei Schichten besteht. Über einem Drahtgerüst wurden zwei Blechschichten geformt. Während die älteren Bestandteile ins 18. Jahrhundert zurückdatiert werden können, stammt die äusserste Blechschicht von einer späteren Renovation. Der Fulehung-Darsteller von 1946 bis 1965 soll die Maske regelmässig eigenhändig restauriert, die Behaarung erneuert oder ihr vor dem Ausschiesset einen frischen Farbanstrich verliehen haben.

1982 wurde die rund 2,5 Kilogramm schwere Originalmaske für die Auftritte durch eine leichtere Kunststoffkopie ersetzt. Seit 2020 existiert zusätzlich eine Reservemaske.


Heute

Der Fulehung trägt eine zweiteilige, beige Verkleidung, deren Saum mit Schellen besetzt ist, sowie eine wilde, gehörnte Teufelsmaske.

Am Ausschiesset-Montag erscheint er morgens um fünf Uhr auf dem Rathausplatz. Von dort aus wird er von einer grossen Menschenmenge durch die Strassen und Gassen Thuns gejagt. Dabei rufen ihm die Verfolger «Fulehung, Fulehung» oder «Fulehung, Souhung» zu.

Bewaffnet mit dem Söiplaatere (Schweineblasen) und dem Schyt verteilt er gelegentlich zünftige Schläge an besonders freche Verfolger. Doch der Fulehung zeigt auch seine freundliche Seite: Kleinkindern schenkt er Gratisfahrkarten für das «Rösslispiel» (Karussell), und aus den Fenstern verschiedener Altstadthäuser wirft er Süssigkeiten in die wartende Menge.

Um sich vom anstrengenden Lauf zu erholen, zieht er sich zwischendurch in Häuser zurück. Denn für seine Rolle braucht der Fulehung nicht nur eine gute Kondition, sondern auch ausgezeichnete Ortskenntnisse der Thuner Innenstadt – inklusive aller Hintergässchen und Schleichwege.

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